Englische Anrede: Vorname oder Nachname?

    Begrüßung in einer Geschäftssituation; die Frage: Englische Anrede mit Vorname oder Nachname?
    Von Susanne Krause

    Nach zwei Jahren in einem englischsprachigen Start-up habe ich viel gelernt, aber eins vergessen: Dass Menschen Nachnamen haben. Nun bin ich in eine Welt zurückgekehrt, in der Kollegen, Vorgesetzte und Kunden plötzlich nicht mehr nur Leigh, Jamie oder Rob heißen. Und stehe vor derselben Frage wie alle, die im Beruf mit Amerikanern oder Engländern zusammenarbeiten: Wie spreche ich wen an?

    Die englische Anrede: Vorname oder Nachname?

    Wie viele Deutsche bin ich dem Englischen dankbar, dass es nicht zwischen Du und Sie unterscheidet. Die Frage, ob das Gegenüber für mich jetzt Michael oder Mr Taylor ist, bleibt allerdings bestehen. Und sie lässt sich nicht unbedingt dadurch beantworten, denselben Leitlinien zu folgen wie im deutschen Geschäftskontext. Denn im englischsprachigen Raum geht man sehr viel schneller dazu über, sich mit Vornamen anzusprechen als in Deutschland. Das kann erfrischend sein. Aber auch verwirrend.
     

    Wenn man jemanden auf Englisch mit dem Vornamen anspricht, bedeutet es nicht unbedingt dasselbe, wie ihn im Deutschen zu duzen.


    „Deutsche sind oft unsicher, was diese Zwanglosigkeit zu bedeuten hat und wie sie reagieren sollen“, sagt Ian McMaster, Chefredakteur von Business Spotlight, das sich auch regelmäßig dem Thema interkultureller Kommunikation widmet. Der gebürtige Engländer lebt seit über 20 Jahren in Deutschland und kennt die Gepflogenheiten beider Kulturkreise. „Es ist wichtig zu wissen, dass, wenn man jemanden auf Englisch mit dem Vornamen anspricht, es nicht unbedingt dasselbe bedeutet, wie ihn im Deutschen zu duzen“, erklärt McMaster. Oft entspreche es eher dem Hamburger Sie, also einer Mischung aus der Ansprache mit Vorname und Siezen.

    Beim ersten Schriftkontakt: lieber erstmal zu formell

    McMaster empfiehlt Deutschen in der Kommunikation mit englischen Muttersprachlern genau das Gegenteil von meiner Strategie: Anstatt jeden Engländer, der nicht zur royalen Familie gehört, sofort mit Vornamen anzusprechen, sollten Sie sich beim ersten Kontakt eher zu formell als zu informell verhalten. Achten Sie jedoch auf die Signale, die Ihnen Ihr Gegenüber sendet.

    Ein Beispiel: Sie beginnen Ihre erste E-Mail mit Dear Mr Taylor. Mr Taylor spricht Sie in seiner Antwort mit Vornamen an und unterschreibt mit Best regards, Michael. Das ist ein deutliches Zeichen, dass Sie ihn fortan auch beim Vornamen nennen können.
     

    Achten Sie auf die Signale, die Ihnen Ihr Gegenüber sendet.


    Ich habe diese Strategie gleich selbst mit zwei englischsprachigen Autorinnen ausprobiert, die ich für ein Projekt anschreiben musste – und bekam zwei E-Mails, die mit Dear Susanne überschrieben waren, zurück. Das fühlte sich sehr viel besser an als die E-Mail von letzter Woche, in der ich nach einem kühnen Vornamen-Erstkontakt plötzlich Ms Krause war.

    Persönliche Vorstellungsrunden meistern

    In einem persönlichen Gespräch ist es noch einfacher zu klären, ob Sie Ihren Gesprächspartner mit Vor- oder Nachnamen ansprechen sollten. Es kann gut sein, dass er Ihnen den Vornamen direkt anbietet: Please call me Michael. Wenn Sie selbst die Initiative ergreifen wollen, empfiehlt McMaster genau darauf zu achten, wie Sie sich vorstellen. Susanne, Susanne Krause impliziert, dass ich beim Vornamen genannt werden möchte. Wenn Sie es hingegen bevorzugen, dass Ihr Gegenüber Sie mit Nachnamen anspricht, legen Sie bereits bei der Vorstellung die Betonung darauf. Zum Beispiel: Mr McMaster, Ian McMaster.

    Ian McMaster empfiehlt Kollegen, sich vor einem Zusammentreffen mit englischsprachigen Geschäftspartnern zu einigen, wie man die Ansprache handhaben möchte. „Sonst läuft es vielleicht auf eine bizarre Situation hinaus, in der Sie die englischsprachigen Geschäftspartner beim Vornamen nennen, aber die eigenen Kollegen mit Herr und Frau ansprechen,“ warnt McMaster.

    Die schriftliche Anrede: Mr, Ms oder Dr?

    Bei der schriftlichen Anrede gilt es zu beachten, dass diese nur im amerikanischen Englisch mit Punkten abgekürzt wird: Mr., Ms., Dr. Im britischen Englisch heißt es einfach: Mr, Ms, Dr (in diesem Artikel richten wir uns im Folgenden nach der britischen Schreibweise).

    Für Frauen gibt es verwirrenderweise gleich drei mögliche Anreden: Mrs, Miss und Ms. Traditionellerweise wurde Mrs für verheiratete und Miss für unverheiratete Frauen benutzt – Letzteres entspricht dem deutschen Fräulein. Da diese Tradition jedoch aus der Mode kommt, ist die neutrale Form Ms die sicherste Alternative. Jedoch ein Wort der Warnung: Um Ms auch in der gesprochenen Sprache korrekt zu verwenden, sollten Sie die Aussprache üben: Denn Ms klingt sehr ähnlich wie Miss. In Oxford Dictionaries können Sie sich die richtige Intonation anhören und üben.
     

    Im Englischen ist es unüblich, den Doktortitel außerhalb einer Universität zu benutzen.


    Auch wenn viele Frauen Ms bevorzugen, sind die anderen beiden Formen durchaus noch gängig: „Wenn sich eine Frau mit einer dieser traditionellen Anreden vorgestellt hat, ist es höflich, ihrem Beispiel zu folgen“, so McMaster.

    Obwohl der Chefredakteur selbst einen Doktortitel hat, taucht dieser nur sehr selten in Zusammenhang mit seinem Namen auf: „Im Englischen ist es unüblich, den Doktortitel außerhalb einer Universität zu benutzen, außer es handelt sich um einen Arzt“, erklärt er. Außerdem werden die Titel Professor und Doktor nicht kombiniert. Man wendet sich also entweder an Dr Taylor oder Professor Taylor, nie aber an Professor Dr Taylor.

    Weitere Anreden: Madam, Sir und Your Majesty

    Die Titel Madam und Sir werden für gewöhnlich nicht mit Nachnamen kombiniert. Man benutzt sie hauptsächlich, um sich höflich an Menschen zu wenden, deren Namen man nicht kennt. Zum Beispiel: Can I help you, Sir? oder Thank you, Madam. „Mr oder Mrs klänge in derartigen Situationen unhöflich“, erklärt McMaster.

    Eine Ausnahme ist Sir, wenn es als Titel für jemanden gebraucht wird, den die Queen zum Ritter ernannt hat (das weibliche Pendant ist Dame). Sir und Dame werden mit dem Vornamen, nicht dem Nachnamen kombiniert. „Wenn Sie also das nächste Mal Mick Jagger treffen, denken Sie daran, ihn Sir Mick zu nennen, nicht Sir Jagger“, sagt McMaster. Und wo wir schon bei unwahrscheinlichen Begegnungen sind: Wenn Sie die Queen treffen, müssen Sie sie erst als Your Majesty und in der Folge als Ma'am ansprechen.

     

    Vermeiden Sie die Fettnäpfchen der globalen Geschäftswelt

    Business Spotlight beschäftigt sich regelmäßig mit interkultureller Kommunikation und gibt Tipps, wie Sie sich bei einer Verhandlung mit Australiern oder auf einer Geschäftsreise in Japan verhalten sollten. Artikel zu diesem Thema finden Sie auf der Website unter dem Stichwort „Intercultural Communication“ oder in dem zweimonatlich erscheinenden Magazin.

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